Sommer, Sonne, Sozialismus? Ein Reisebericht über die Republik Cuba

von Marcel Kunzmann

Cuba zwischen Klischee und Realität: Wieviel Sozialismus steckt hinter der Fassade? / Cubanische Pioniere in Havanna (Fotos: Marcel Kunzmann)

Marcel bereiste die Republik Cuba im Mai/Juni 2009. Dieser Bericht musste für die Print-Ausgabe stark gekürzt werden. Den ganzen Bericht finden sie unter diesem Artikel.

Über unsere bürgerlichen Medien etwas über Cuba zu erfahren, das auch nur annähernd den tatsächlichen Verhältnissen dort entspricht, ist sehr schwierig. Die meisten Berichte bedienen sich derselben antikommunistischen Klischees wie die Propagandaschlachten des Kalten Krieges. Fernab von illusionären Träumereien vom „sozialistischen Paradies“ und auch fernab der flachen Sprüche vom „Castro-Regime“, hat mich die Wahrheit über dieses Land interessiert. Vom 21. Mai bis zum 3. Juni durchquerten meine Eltern und ich mit einem Mietwagen die Insel. Viele der vorher gefassten Urteile musste ich korrigieren, einiges hat sich allerdings auch bestätigt. Klar war für mich nur: Wenn es irgendwo noch eine gelebte Alternative zum Kapitalismus gibt, dann auf Cuba.

Am Flughafen mussten zuerst einige Formalitäten geklärt werden. Was mir zuerst schon im Flughafengebäude auffiel: Irgendetwas fehlte. Achja, die Werbung! Es gab keine Werbung. Nirgends waren die ansonsten so allgegenwärtigen Dauerberieselungen, die zugeklebten Wände, die Coca-Cola Plakate zu sehen. Sehr angenehm.

Am nächsten Tag gingen wir durch die Straßen Havannas. Allgegenwärtig war neben den alten Häusern aus der Kolonialzeit und den politischen Schildern allerdings auch die schwierige ökonomische Situation der Menschen. Viele nutzten diese jedoch aus, um sich an naiven Touristen zu bereichern. Mit seltsamen Tricks und Betteleien wollen diese den einfältigen Touristen suggerieren, es würde ihnen an Grundnahrungsmitteln mangeln. Doch das passt nicht ganz in ein Land, in dem es an jeder Ecke billige Speisen und Getränke zu kaufen gibt, und wo jeder Einwohner durch die sogenannte Libretta, eine Rationierungskarte, alle notwendigen Güter und Lebensmittel zugeteilt bekommt. Es mangelt zwar an vielem, aber Hunger leiden muss in Cuba keiner, das konnte mir bisher jeder meiner Freunde dort versichern. Wenn man sich die kolonialen Villen besieht, die trotz ihres teilweise schlechten Zustandes nichts von ihrer Jahrhunderte alten Würde eingebüßt haben, wie diese heute von Arbeiterfamilien bewohnt werden, merkt man, dass man sich tatsächlich in einem sozialistischen Land befindet.

Am stärksten kam dieser Eindruck zu Tage, als wir in Havanna eine Führung in einer Zigarrenfabrik machten. Die Arbeiter wirkten allesamt locker, gelöst, als ob sie diese Arbeit am liebsten täten. In dem riesigen Saal, in dem an die 400 Arbeiter auf Werkbänken Zigarren drehen, läuft im Hintergrund Techno-Musik. Ganz am Ende hängt ein Plakat: „Zum 50. Jahrestag der Revolution: Lasst uns mehr und effizienter produzieren!“, davor der Tisch des Vorlesers. Jeden morgen wird dort zuerst eine halbe Stunde aus der Granma, der größten cubanischen Tageszeitung, vorgelesen. Danach geht man zu einem Buch über, das die Arbeiter sich ausgesucht haben. Aktuell liest man „Sakrileg“ von Dan Brown. Nach Dienstschluss kann sich jeder Arbeiter täglich 3 Zigarren seiner Wahl mit nach Hause nehmen.

Jede Woche hält die Belegschaft dort eine Sitzung und diskutiert über die Probleme im Betrieb, aber auch über die Probleme des Landes. Ich selbst wurde Zeuge, wie solche Sitzungen abliefen und man nach heftiger Diskussion zu einer Entscheidung kam. Dabei folgt die Betriebsversammlung nicht weltfremden, starren Regeln, sondern wird von den Arbeitern selbst ausgestaltet. Es wird über alles gesprochen: Von den Arbeitszeiten, Arbeitsbedingungen und Löhnen, bis zum Buch für nächste Woche hat die Belegschaft überall die volle Einflussnahme auf ihren Betrieb.

Auch konnte ich in Havanna die Funktionsweise eines CDR beobachten. Die CDRs heißen auf Spanisch „Comités de Defensa de la Revolución“ (Komitees zur Verteidigung der Revolution) und sind in jedem Wohnblock vorhanden. Etwa 90% der Cubaner über 14 Jahren sind Mitglied in den Komitees. Im cubanischen Rätesystem sind die CDR die unterste Ebene der Basisdemokratie. Moment, war da gerade das Wort „Demokratie“ zu hören? In der Tat! Auch wenn so manch bornierter Kleinbürger, der sich jeden Abend die FAZ mit ins Bett nimmt, den Begriff Demokratie in Zusammenhang mit Cuba als „absurd“ bezeichnen würde - ein Cubaner kann darüber nur lachen, denn es gibt sie tatsächlich dort, die sozialistische Demokratie. Vollkommen offen redet man über die Probleme des Landes, wählt Abgeordnete und Räte die jederzeit abberufen werden können und veröffentlicht Resolutionen. Zwar gibt es in den oberen Ebenen auch eine Menge Parteifilz, doch hört man den Cubanern zu, so merkt man, dass sie zwar stets über ihre Situation klagen, dafür aber nie „den bösen Sozialismus“ verantwortlich machen, sondern etwas dagegen unternehmen: Sie gehen zu den Sitzungen, gehen zur Wahl, lassen sich wählen, schlagen Lösungen vor - und nicht selten entsteht dabei eine kontroverse Diskussion.

Einige Tage später gingen wir nach Cienfuegos. Wir trafen dort auf drei Arbeiter. Ich nutzte natürlich die Gelegenheit um wieder etwas mehr über die Situation in Cuba zu erfahren. Auch sein Freund José, ein Fabrikarbeiter, erzählte: „Es ist schon schwer, wenn man eine Familie hat in Cuba. Man muss hart arbeiten, aber letzten Endes kommt doch nichts dabei heraus. Und die Rationen auf der Libretta sind viel zu wenig, es reicht hinten und vorne nicht.“ Woran das liegt, frage ich. Eric, er ist Busfahrer, antwortet mir: „Das ist die Sonderperiode [Anm. d. Red: Bezeichnung für die Wirtschaftsperiode nach der Auflösung des sozialistischen Lagers um 1991]. Und auch ganz oben in der Partei gibt es viel Korruption.“ - „Naja“, frage ich, „und was ist mit Fidel? Was haltet ihr von dem?“ José meint: „Fidel ist gut, wir Cubaner lieben Fidel. Aber Fidel ist nicht überall. Er hat viele Minister, und die sind nicht alle so gut.“ Eric pflichtet ihm bei: „Fidel ist ein guter Mann, aber da oben gibt es viele, die das ausnutzen. Und auch Raúl ist nicht der Beste, er kommt dafür zu sehr aus dem Militärischen.“ - „Und was wollt ihr, was ist die Alternative? Zurück zum Kapitalismus?“ - „Nein!“ meint José: „Ich bin Kommunist, und ich stehe zu unserem System hier. Auch wenn einiges schief läuft, letzten Endes bleibt uns nichts anderes übrig.“ Eric pflichtet ihm bei: „Absolut, niemand will hier wieder zurück zum Kapitalismus. Der Sozialismus ist für uns hier das Beste. Im Kapitalismus würden wir verhungern, wie in Haiti.“ - „Ihr seid also Kommunisten?“ frage ich. Alle drei nicken mit einem stolzen Lächeln. „Und die Demokratie in Cuba, wie seht ihr das, bei uns heißt es, Cuba sei eine Diktatur. Wie erlebt ihr das?“ Eric antwortet: „Die Wahlen hier sind echt. Und auch sonst können wir durch die CDR großen Einfluss nehmen. Ich habe das sichere Gefühl, dass man hier als Arbeiter was zu sagen hat und ernst genommen wird. Man kann hier viel mitbestimmen, auch als einfacher Mann.“

José pflichtet ihm bei: „Demokratie? Auf jeden Fall. Man muss sich gut überlegen wen man wählt, sonst hat man, bis man ihn abberufen hat, einige Zeit den Falschen am Hals.“ José lacht. Sein Gesicht drückt etwas Zuversichtliches aus: „Hier in Cuba hat das Volk das Sagen, auch wenn das Leben schwer ist.“ Abschließend zitiere ich noch ein Schild, das ich am Straßenrand las: „Con Fidel y Raúl - ¡Venceremos!“ - „Mit Fidel und Raul werden wir siegen!“ Die drei Arbeiter zeigen sich sichtlich erfreut. Selbst der dritte im Bunde, der kein Englisch kann und bisher nur freundlich nickte, sagt jetzt laut: „Si! Venceremos! Con Fidel!“

Mit diesen Worten verabschiede ich mich dann auch von den Dreien, denn schon bald geht es für uns weiter nach Trinidad. Dort angekommen treffe ich zum ersten Mal einige Pioniere, die etwas Englisch können. Der Junge war gerade einmal 10 Jahre alt, sein Englisch war dafür aber bemerkenswert gut. Er lernt es seit 3 Jahren. Bei den Pionieren gefällt es ihm sehr gut, vor allem dass er alles bei den Ausflügen vom Staat bezahlt bekommt. „Meine Eltern haben nicht so viel Geld.“ sagt er, doch die Schule macht ihm Spaß: „Nachmittags machen wir oft noch andere Sachen, z.B. Brot backen oder etwas basteln.“ Wir verabschieden uns, wie es bei den Pionieren in Cuba so üblich ist: „¡Seremos como el Che!“ - Wir wollen so sein wie Che! Der Junge schien überrascht, aber strahlte übers ganze Gesicht.

Kurz darauf fuhren wir wieder zum Flughafen „José Martí“. Einen letzten Blick noch, und schon bald verschwand die kleine Insel aus den Fenstern des Flugzeugs. Eine kleine Insel, die mich mit gemischten Gefühlen zurücklässt. Die Cubaner führen ein hartes Leben, auch wenn es wohl leichter als das vieler anderer Menschen in den Entwicklungsländern sein dürfte. Es mangelt an vielem und das Embargo verschärft diese Probleme noch weiter. Es ist leicht, unter diesen Umständen gegen Cuba zu sein, zu sagen „Guck doch mal, wie die leben und schau mal was, wir hier alles haben.“ Das ist der leichteste Weg, der ganz vergisst, dass Cuba nicht Deutschland, die Karibik nicht Mitteleuropa und das Embargo nicht die EU ist. Und es ist auch sehr leicht, Fidel Castro und den Sozialismus zu verurteilen, wenn man seine Informationen ausschließlich aus unseren tendenziösen Medien bezieht. Viel schwieriger ist es, selbst dort hinzufahren, die Leute kennen zu lernen, sich eine eigene Meinung zu bilden. Ich habe dies getan und ich habe größten Respekt gewonnen vor dem cubanischen Volk und seiner Geschichte. Ich habe gesehen, dass Sozialismus und Demokratie zusammengehören, trotz aller Probleme.

vollständiger Bericht in der Online-Ausgabe: Sommer, Sonne, Sozialismus? Ein Reisebericht über die Republik Cuba

von Marcel Kunzmann

»Wir befinden uns im Jahre 18 nach der Selbstauflösung des

sozialistischen Lagers. Die ganze Welt ist vom Imperialismus besetzt.

Die ganze Welt? Nein! Eine von unbeugsamen Revolutionären

bevölkerte Karibikinsel hört nicht auf, dem Kapitalismus Widerstand

zu leisten.« - So oder so ähnlich müsste die Einleitung zu diesem

Bericht wohl lauten, wenn wir uns in Asterix-Manier an das Thema

Cuba heranwagen würden. Und man darf wohl sagen, das Thema

Cuba, schließlich handelt es sich bei diesem Land nicht nur um

irgendeine unbedeutende Karibikinsel unter vielen, sondern um den

(wenn man von solch ideologischen Unfällen wie Nordkorea einmal

absieht) letzten Hort des real existierenden Sozialismus. Dies, und

natürlich das subtropische Klima, die karibischen Strände und die

paradiesischen Naturlandschaften waren die Gründe, weshalb ich

mich schon länger mit dieser Insel beschäftigte und mir dieses Land

auch einmal mit eigenen Augen besehen wollte. Denn über unsere

bürgerlichen Medien etwas über Cuba zu erfahren, dass auch nur

annähernd den tatsächlichen Verhältnissen dort entspricht, ist sehr

schwierig. So findet man vielleicht noch auf Arte die ein oder andere

Dokumentation, welche um wirkliche Objektivität bemüht ist. Die

meisten Berichte jedoch bedienen sich der selben

antikommunistischen Klischees, wie die Propagandaschlachten des

kalten Krieges. Fernab von illusionären Träumereien vom

»sozialistischen Paradies« und auch fernab der flachen Sprüche vom

»Castro-Regime«, hat mich die Wahrheit über dieses Land

interessiert. Warum gilt Cuba heute bei uns als Vorzeigebeispiel einer

Diktatur? Warum investieren die USA jedes Jahr Millionen Dollar in

Geheimdienstarbeit gegen diesen kleinen Karibikstaat? Warum wird

über Cuba so viel, wie über kein anderes karibisches Land berichtet?

Und warum wird - trotz dem offiziellen Ende des kalten Krieges - das

Embargo gegen das wirtschaftlich unbedeutende Cuba weiterhin

aufrechterhalten? Irgendetwas konnte da nicht stimmen. Es war

höchste Zeit für mich, dieses Land zu besuchen.

Als ich dann schließlich meine Eltern, die ohnehin schon immer mal

in die Karibik wollten, nach längeren Diskussionen überzeugen

konnte, war die Reise bald für 2009 fest gebucht. Vom 21. Mai bis zum

3. Juni durchquerten wir mit einem Mietwagen die Insel. Von

Havanna über Matanzas, Santa Clara, Trinidad, Cienfuegos wieder

zurück nach Havanna (um nur einige Städte zu nennen), sahen wir in

diesen zwei Wochen jede Menge von Land und Leuten. Viele der

vorher gefassten Urteile musste ich korrigieren, einiges hat sich

allerdings auch bestätigt. Klar war für mich nur: Wenn es irgendwo

noch eine gelebte Alternative zum Kapitalismus gibt, dann auf Cuba.

Meine ersten Impressionen von diesem Land stammen noch aus dem

Flugzeug. Schlaftrunken sah ich aus dem Fenster die ersten Umrisse

der Insel, kurz darauf den Flughafen »José Martí«, benannt nach dem

cubanischen Freiheitskämpfer und Nationalhelden, welcher bereits

im 19. Jahrhundert für die Unabhängigkeit seines Landes kämpfte.

Am Flughafen selbst mussten zuerst einige Formalitäten geklärt

werden, bevor wir nach Kontrolle unseres Passes durch eine

freundliche Zollbeamtin an unser Gepäck kamen. Was mir zuerst

schon im Flughafengebäude auffiel: Irgend etwas fehlte. Achja, die

Werbung! Es gab keine Werbung. Nirgends waren die ansonsten so

allgegenwärtigen Dauerberieselungen, die zugeklebten Wände, die

Coca-Cola Plakate zu sehen. Sehr angenehm. Noch am Flughafen

trafen wir auf eine freundliche Dame namens Clothilde, von der

cubanischen Reiseagentur. Da sie in der DDR studiert hatte, sprach sie

fließend Deutsch und half uns, an einen Mietwagen zu kommen. Mit

Blick auf mein Lenin T-Shirt lautete ihr erster Kommentar: »Mit

diesem T-Shirt wirst du hier sehr viele Freunde finden.« Ironie? Nein,

tatsächlich: Schon 10 Minuten später bekundete der Beamte beim

Umtauschschalter von Euro in die cubanische konvertible Währung

(CUC), auf Englisch seine Sympathie für den Herrn Lenin. Da sich

das mit dem Mietwagen doch noch etwas länger hinzog, blieb mir

genug Zeit um mit Clothilde ins Gespräch zu kommen. Sie war eine

stämmige Dame von etwa sechzig Jahren, und kennt die Revolution

von Beginn an. Meine ersten Fragen gingen gleich ins politisch

brisante, Thema Wahlpflicht in Cuba. »Wenn die Leute bei euch

sagen, wenn man in Cuba nicht zur Wahl geht verliert man seinen

Arbeitsplatz oder bekommt Repressionen, ist das eine Lüge. Wer bis

12 Uhr nicht zur Wahl geht, bei dem klingeln die Pioniere und sagen

›Hey, willst du nicht wählen gehen?‹ - das ist aber alles.«

Auch beim Thema Opposition fand Clothilde klare Worte: »Die

meisten Cubaner mögen diese Oppositionellen nicht. Die ›Frauen in

weiß‹, und wie sie alle heißen. Die wollen nur Geld von den

Amerikanern für sich kassieren. Wenn sie wirklich für das Volk

kämpfen, dann sollen sie doch in die Berge, wie Che, und die Leute

überzeugen, anstatt sich bei den USA anzubiedern.«

Clothildes Gesicht legte sich in nachdenkliche Falten, man sah ihr

deutlich an, dass es ihr ernst war. Auf dem Weg zum Hotel

unterhielten wir uns noch etwas über die aktuelle Situation in Cuba,

die »Periodo especial«, die Sonderperiode, welche nach der Auflösung

der Sowjetunion und dem Verlust fast aller Handelspartner eintrat.

Die schwierige ökonomische Situation, das Transportproblem, das

Wohnungsproblem und all die andren Probleme sind häufige

Gesprächsthemen der Cubaner, die bei der Kritik kein Blatt vor den

Mund nehmen. Unterwegs konnte ich am Straßenrand die

zahlreichen politischen Schilder bestaunen: »Defendiendo el

socialismo«, die Verteidigung des Sozialismus, oder »Hasta la victoria

siempre«, ein Zitat von Che, »Vorwärts bis zum Sieg«, war auf ihnen

zu lesen. Abends im Hotel ging ich recht früh zu Bett. Schön, gut,

also. Die Worte einer Revolutionärin. Mal sehen, was der cubanische

Alltag mir davon bestätigen kann.

Am nächsten Tag gingen wir durch die Straßen Havannas. Und auch

hier fehlte überraschenderweise die Werbung. Kein Burger King, kein

McDonalds, keine BILD-Zeitung. Nirgends. Die Stadt kam so in ihrer

vollen Pracht zur Geltung, statt aufdringlicher Leuchtreklame sah

man an den Häuserfassaden lediglich handgemalte Bilder über die

Revolution, oder hin und wieder ein Zitat Fidel Castros.

Allgegenwärtig war neben den alten Häusern aus der Kolonialzeit

und den politischen Schildern allerdings auch die schwierige

ökonomische Situation der Menschen. Viele nutzten diese jedoch aus,

um sich an naiven Touristen zu bereichern. Mit seltsamen Tricks und

Betteleien wollen diese den einfältigen Touristen suggerieren, es

würde ihnen an Grundnahrungsmitteln mangeln. Doch das passt

nicht ganz in ein Land, in dem es an jeder Ecke billige Speisen und

Getränke zu kaufen gibt, und wo jeder Einwohner durch die

sogenannte Libretta, eine Rationierungskarte, alle notwendigen Güter

und Lebensmittel zugeteilt bekommt. Es mangelt zwar an vielem,

aber Hunger leiden muss in Cuba keiner, das konnte mir bisher jeder

meiner Freunde dort versichern. Viele dieser Leute nutzen daher die

zusätzliche Einkommensquelle um sich teure Luxusartikel wie

Adidas-Turnschuhe und dergleichen zu kaufen. Aber das sind nun

wirklich keine überlebenswichtigen Güter. Überhaupt hatte ich in

meiner ganzen Zeit in Cuba durchgehend den Eindruck von einer

trotz aller Dispropriationen grundsätzlich intakten Gesellschaft, ohne

extreme Armut und ohne ein wie auch immer geartetes Bonzentum.

Es herrschte ein reges Stadtleben, mit Autos, Einkaufstüten, mit

Kindern die Eis essen, Erwachsenen die Karten spielen und Rum

trinken, alten Leuten die auf Parkbänken Zeitung lesen und Zigarre

rauchen, manchmal mit dem Enkel auf dem Schoß, manchmal mit

Hund. Wenn man sich die Kolonialen Villas besieht, die trotz ihres

teilweise schlechten Zustandes nichts von ihrer jahrhunderte alten

Würde eingebüßt haben, wie diese heute von Arbeiterfamilien

bewohnt werden, wenn man die amerikanischen Luxuskarossen

sieht, wie diese heute von Arbeitern gefahren werden, dann merkt

man auch, dass man sich tatsächlich in einem sozialistischen Land

befindet. Am stärksten kam dieser Eindruck zu Tage, als wir in

Havanna eine Führung in einer Zigarrenfabrik machten. Dort

herrschten gänzlich andere Verhältnisse, als man es bei uns gewohnt

ist. Die Arbeiter wirkten allesamt locker, gelöst, als ob sie diese Arbeit

am liebsten täten. In dem riesigen Saal, in dem an die 400 Arbeiter auf

Werkbänken Zigarren in verschiedenen Qualitäten drehen, läuft im

Hintergrund Techno-Musik. Ganz am Ende hängt ein Plakat: »Zum

50. Jahrestag der Revolution: Lasst uns mehr und effizienter

produzieren!«, davor der Tisch des Vorlesers. Jeden morgen wird dort

zuerst eine halbe Stunde aus der Granma, der größten cubanischen

Tageszeitung, vorgelesen. Danach geht man zu einem Buch über, das

die Arbeiter sich ausgesucht haben. Aktuell liest man »Sakrileg« von

Dan Brown. Der Vorleser wechselt dabei gelegentlich und bekommt

die Zeit als Vorleser voll bezahlt. Nachmittags läuft dann meist Musik.

Nach Dienstschluss kann sich jeder Arbeiter täglich 3 Zigarren seiner

Wahl mit nach Hause nehmen. Während der Arbeit, darf ebenfalls

geraucht werden. Auf Betriebskosten, versteht sich.

Neben der kostenlosen Mittagskantine dürfte aber ein

herausragenderes Merkmal die demokratische Mitbestimmung im

Betrieb sein: Jede Woche hält die Belegschaft dort eine Sitzung und

diskutiert über die Probleme im Betrieb, aber auch über die Probleme

des Landes. Ich selbst wurde Zeuge, wie solche Sitzungen abliefen

und man nach heftiger Diskussion zu einer Entscheidung kam. Dabei

folgt die Betriebsversammlung nicht weltfremden, starren Regeln,

sondern wird von den Arbeitern selbst ausgestaltet. Es wird über alles

gesprochen: Von den Arbeitszeiten, Arbeitsbedingungen und Löhnen,

bis zum Buch für nächste Woche hat die Belegschaft überall die volle

Einflussnahme auf ihren Betrieb. Jeder Vorsitzende wird

demokratisch gewählt und ist der Belegschaft rechenschaftspflichtig.

Im Falle von Amtsmissbrauch kann er sofort abberufen werden, was

auch hin und wieder vorkommen soll. Die junge Arbeiterin führte

uns durch den gesamten Betrieb und erklärte jeden

Produktionsschritt, vom frischen Tabakblatt bis zur fertigen Cigarre.

Auch die Emanzipation hat sich scheinbar in der Ökonomie gut

durchgesetzt: Die Führungsebene des Betriebs besteht fast durchweg

aus Frauen. Darunter sind viele Schwarze und Mulattinnen. Von

Rassismus keine Spur. Soviel also zur innerbetrieblichen Demokratie,

die in Cuba doch sehr stark entwickelt ist. Mit der, verfassungsmäßig

festgeschriebenen, Maximalarbeitszeit von 8 Stunden pro Tag und

den hervorragenden Arbeits- und Mitbestimmungsbedingungen, hat

sich die cubanische Arbeiterklasse doch einiges erkämpft, wovon man

hierzulande höchstens träumen kann. Trotzdem: Die Löhne sind

immer noch viel zu niedrig, auch wenn das Ende der Sonderperiode

bereits absehbar ist.

Am nächsten Morgen trafen wir auf unseren Freund Lazaro, ein

schmächtiger Mann in den Vierzigern, mit kräftigen Gesichtszügen

und sonnengebräunter Haut, der eher an einen Spanier denn an

einen Cubaner erinnert und den ich durch Zufall vor einigen Jahren

kennen lernte, da er Informatiker ist. Er hat uns einen Tag durch

Havanna geführt und wir haben erstmals den normalen cubanischen

Alltag kennen gelernt. Statt Auto fuhren wir Bus, statt im Restaurant

aßen wir im Imbiss für Cubaner, statt des Tourismusbüros besuchten

wir Lazaros Freunde zu Hause. Die Straßen von Havanna sind voll

von Leuten unterschiedlicher Hautfarbe und unterschiedlichen

Alters. Überall wimmelt es von Pionieren, welche Nachmittags die

Schule verlassen und die man dann häufig noch bei gemeinsamen

Aktivitäten oder Ausflügen antrifft. Havanna hat eine wundervolle

Altstadt, die noch aus dem 18. Jahrhundert stammt und leider am

verfallen ist. Wenn man aber denkt, dies sei beispielhaft für Cuba,

begeht man einen Fehler: Interessanterweise sind in allen anderen

cubanischen Städten die Häuser wesentlich besser in Schuss. Für

Havanna kam erst in letzter Zeit genügend Geld zusammen, so dass

ein Sanierungsprogramm beschlossen werden konnte. Überall sahen

wir bereits, wie gestrichen wurde, wie hier und dort neu gefließt oder

komplett renoviert wurde. Es tat sich schon einiges. Auch das

Transportproblem geht einer Lösung entgegen: Seit einigen Jahren

verkehren in Havanna Busse aus Nordkorea und China, die zwar

stets überfüllt, dafür aber auch pünktlich, billig und zuverlässig alle

Cubaner von A nach B bringen.

Generell sind die Cubaner jedoch ein sehr gemütliches Volk, was sich

gerade auch beim Straßenalltag wiederspiegelt: Man stellt sich hinten

an und wartet eben, wenn der Bus sehr voll ist. Von der bei uns so

üblichen Hektik, ist in Cuba nichts zu spüren. An jenem Tag

besuchten wir auch das Revolutionsmuseum. Dort wird die

Geschichte Cubas, von den ersten Unabhängigkeitskämpfen aus

indianischen Zeiten bis zur Gegenwart beleuchtet. Die größte Zäsur

in der neueren cubanischen Geschichte war zweifellos die Revolution

von 1959, an dem sich das cubanische Volk vom verhaßten Batista-

Regime, einer Handlangerregierung der USA, befreite. Fortan wurde

unter der Präsidentschaft Fidel Castros der Sozialismus aufgebaut.

Trotz Handelsembargo durch die USA und Wirtschaftssabotage durch

den CIA, hat sich Cuba so einen, gemessen mit der restlichen Karibik

und den meisten Ländern Lateinamerikas, extrem hohen

Lebensstandard mit wegweisendem Gesundheits- und

Bildungssystem aufgebaut. Nach 1990 jedoch kam die oben erwähnte

Sonderperiode, die zu schwerwiegenden ökonomischen Problemen

führte und immer noch führt. Erst seit etwa 10 Jahren wird es

merklich besser in Cuba, das schlimmste scheint überstanden. Dazu

ist allerdings im Revolutionsmuseum noch keine Ausstellung

vorhanden. Man findet aber viele Fahrzeuge aus der Revolution, und,

in einem Glasgebäude auch die Granma, jene Yacht, mit der Fidel

Castro, Che Guevara und 80 weitere Revolutionäre 1956 in Cuba

ankamen und damit den Auftakt zur Revolution gaben.

Auch konnte ich in Havanna die Funktionsweise eines CDR

beobachten. Die CDRs heißen auf spanisch »Comités de Defensa de la

Revolución« (Komitees zur Verteidigung der Revolution) und sind in

jedem Wohnblock vorhanden. Etwa 90% der Cubaner über 14 Jahren

sind Mitglied in den Komitees, deren Aufgabe es wörtlich ist, eben die

Revolution zu verteidigen. Praktisch heißt das, für Sicherheit und

Ordnung im Block zu sorgen, sowie an demokratischen

Entscheidungen teilzunehmen, sich aktiv an der Politik zu beteiligen.

Im cubanischen Rätesystem sind die CDR damit die unterste Ebene

der Basisdemokratie und dort wird meist am heftigsten Diskutiert.

Oft werden anschließend Anträge weitergegeben, auf die man sich

erst nach heftiger Diskussion einigen konnte. Moment, war da gerade

das Wort »Demokratie« zu hören? In der Tat! Auch wenn so manch

bornierter Kleinbürger, der sich jeden Abend die FAZ mit ins Bett

nimmt, den Begriff Demokratie in Zusammenhang mit Cuba als

»Absurd« bezeichnen würde - ein Cubaner kann darüber nur lachen,

denn es gibt sie tatsächlich dort, die sozialistische Demokratie.

Vollkommen offen redet man über die Probleme des Landes, wählt

Abgeordnete und Räte die jederzeit abberufen werden können und

veröffentlicht Resolutionen. Dabei sind die Cubaner wesentlich

partizipierter als das hier in Deutschland der Fall ist: Mit

Wahlbeteiligungen von weit über 90% (wählen darf man in Cuba

übrigens schon ab 16) und einer Mitgliederbasis in den CDRs von

über 7 Millionen lässt sich auch Demokratie leben. Nur im Unterschied

zu uns werden die Arbeiter nicht an der Ausübung ihrer Rechte

mangels finanziellen Mitteln gehindert, sondern aktiv gefördert,

indem jeder Massenorganisation ein umfangreiches Budget zur

Verfügung steht. Zwar gibt es in den oberen Ebenen auch eine Menge

Parteifilz, doch hört man den Cubanern zu, so merkt man, dass sie

zwar stets über ihre Situation klagen, dafür aber nie »den bösen

Sozialismus« verantwortlich machen, sondern etwas dagegen

unternehmen: Sie gehen zu den Sitzungen, gehen zur Wahl, lassen

sich wählen, schlagen Lösungen vor - und nicht selten entsteht dabei

eine kontroverse Diskussion. Überhaupt sind die Cubaner sehr

»diskussionswütig«, was man nicht nur in den CDRs, sondern auch

anhand der heftigen Debatten auf der Straße und zu Hause

mitbekommt.

Dabei wird keinem einfach das Wort genommen, der etwas

»unliebsames« sagt, im Gegenteil, ich erlebte die Cubaner als ein sehr

aufgeschlossenes und tolerantes Volk, das fast geschlossen hinter

seiner Regierung steht, aber auch andere Ansichten gelten lässt. Beim

Kapitalismus allerdings werden die Gesichter ernster, denn den will

dort niemand mehr.

Später trafen wir noch unseren Freund Arristides, ein etwas älterer

schwarzer Herr, der früher bei der Presseagentur gearbeitet hat. Seine

Frau war in der östereichischen Botschaft tätig, daher kann er gut

Deutsch. Auch er weiß sehr wohl um die Probleme seines Landes,

traut seinen Landsleuten allerdings auch zu, eine Lösung zu finden.

Das Gespräch war leider nur sehr kurz, da er noch einen Termin

hatte.

Abends gingen wir in eine kleine Kneipe im Zentrum von Havanna.

Lazaro erzählte uns das neueste aus der cubanischen Medizin.

Anscheinend gibt es jetzt auch eine Impfung gegen Lungekrebs.

»Und die funktioniert?«, frage ich misstrauisch. »Ja, natürlich. Jeder

Raucher hier hat die.« Hm, wenn er meint. Erstmals bemerkte ich dort

auch, dass es tatsächlich nur zwei große Biermarken in Cuba gibt:

Buckanero und Crystal. Während Crystal eher einem leichten Bier

entspricht, erinnert Buckanero mit seinem würzigen Geschmack stark

an das in Deutschland populäre »Rothaus«, und erreicht dieses sogar

fast in der Qualität.

Entsprechend teilt sich die cubanische Bevölkerung in eine

Buckanero- und eine Crystal-Fraktion. Sehr oft wird man von

Cubanern gefragt, welches der beiden Biere man denn nun

bevorzugt, und hört oft, wie sich zwei ältere Cubaner über die

Stärken und Schwächen von Crystal und Buckanero unterhalten,

während sie auf einer Parkbank sitzen und Rum trinken. Ein

herrliches Schauspiel. Beim Gespräch mit Lazaro erfuhr ich auch ein

amüsantes Detail: Seit einigen Jahren werden die Fünfjahrpläne des

Landes mit der deutschen Software SAP verwirklicht, die sonst eher

von Großunternehmen wie VW oder dergleichen verwendet wird.

Nun denn, warum sollte man in Cuba nicht auch up-to-date sein?

Am nächsten Tag besuchten wir Pinar del Rio, das Tabaktal, wo

angeblich der beste Tabak der Welt wachsen soll. Kurz vor Anbruch

der Reise gingen wir noch bei Lazaros Schwester einen Kaffee

trinken, der selbstgemacht einfach am besten schmeckt. Dabei fiel mir

zum wiederholten Male auf: Auch wenn das Haus von außen noch so

heruntergekommen und unscheinbar wirkt, drinnen herrscht das

Leben und alles sieht ordentlich und gut gepflegt aus. Auch wenn

man sich manchmal fragt, wie die Cubaner es schaffen, aber

irgendwie findet man dann doch eine Stereoanlage von Sony, einen

Fernseher und eine Waschmaschine von Miele im Haus herumstehen.

Nach der kurzen Pause allerdings machten wir uns sogleich auf den

Weg. Umgeben von malerischen Landschaften zierten vor allem

Königspalmen und kleine Dörfer das Bild am Straßenrand,

dazwischen anstatt Verkehrsschildern immer wieder der Schriftzug

»¡Viva la Revolution!«. Dass die Revolution auf schlecht beschilderten

und löchrigen Straßen selbst in das hinterwäldlerischste Bergdorf

vorgedrungen ist, merkt man allerdings nicht zuletzt daran, dass man

auch bei einer Ansammlung von 20 kleinen Hütten, überall

Stromversorgung, eine Schule sowie eine kleine Ärztestation sieht.

Manchmal ist sogar dort noch eine Bibliothek anzutreffen. Die

Schulen haben ebenso alle Internetanschluss, da seit einigen Jahren

das Thema »PC und Internet« ab der ersten Klasse auf dem Lehrplan

steht. Dass das ebenso für eine kleine Dorfschule gilt, davon konnte

ich mich selbst überzeugen, als ich mich freundlicherweise in einer

solchen einmal umsehen durfte. Neben Bänken, Stühlen, Tafel und

jeder Menge Bücher, standen zwei PC’s in dem Klassenzimmer.

Lazaro konnte mir bestätigen, dass das in Cuba eher die Regel als die

Ausnahme ist.

Nachdem wir unsere Reise nach Pinar del Rio mit dem Besuch eines

Tabakbauern abgeschlossen hatten, machten wir uns Tags darauf auf

ins nahe gelegene Matanzas. Dort traf ich auf meinen Freund

Yosvany, den ich letztes Jahr in Deutschland kennen lernte, als er

über die Situation in Cuba referierte. Er ist Mitglied des Parlaments

von Matanzas und dort für die Auslandskontakte seiner Provinz

zuständig. Eigentlich ist er jedoch Arzt und hat einen Doktor in

Epidemiologie. Bei den letzten Wahlen wurde er mit 98% der

Stimmen ins Parlament gewählt. Weil er so jung ist, und trotz seiner

dunklen Hautfarbe, denn in Rassismus sei in Cuba kein Thema, meint

er. Nachmittags kommt er mich mit seinem Dienstwagen, einem 20

Jahre alten »Lada Nova«, einer 60-PS »Luxuskarosse« wie sie auch

viele Arbeiter besitzen, besuchen. Soviel also zum Parteibonzentum.

Wir erzählten ihm lange von unseren bisherigen Erlebnissen, wie

man uns schon ein paar mal hinters Licht geführt hat um ein paar

CUC abzustauben und wie uns die Naturlandschaften an der Küste

gefallen haben. Da Yosvany sehr gut Englisch kann, fiel mir das

Gespräch nicht schwer. Natürlich erfragte ich auch einige politische

Informationen. Als die drei größten Probleme in seiner Provinz, aber

auch im ganzen Land, sah Yosvany die schlechte wirtschaftliche Lage,

die Korrpution und die interne Administration. »Wir haben kein sehr

großes Problem mit der Korruption, aber es ist ein Problem und es ist

notwendig, etwas dagegen zu unternehmen.« sagt Yosvany und sieht

dabei auch bisher erreichtes: »In der Sonderperiode kamen eine Reihe

von Schwierigkeiten auf uns zu, viele davon dauern bis heute an.

Jedoch können wir das Transportproblem für viele Provinzen als

gelöst betrachten. Auch beim Wohnungsbau machen wir Fortschritte.

Aber was wir in der Zukunft brauchen ist vor allem eines: Mehr

Entwicklung.«

So nannte er auch die nächsten Ziele der Regierung: »In den nächsten

Jahren haben wir einige große Dinge zu meistern: Wir müssen die

Wirtschaft stärken, uns dabei aber gleichzeitig vor dem Kapitalismus

verteidigen, den Sozialismus wahren und erhalten. Außerdem

werden wir weiterhin alles versuchen, die 5 cubanischen Agenten zu

befreien, die zu Unrecht in den USA nun seit über 10 Jahren

festgehalten werden.« Ich sagte ihm: »Das hört sich ja schön an, den

Sozialismus verteidigen, aber wie wollt ihr das anstellen?«. Er

entgegnete mir sovuerän: »Zuerst ist es wichtig, die Bildung und das

Gesundheitssystem zu verteidigen, indem wir diesen beiden

Einrichtungen weiterhin einen hohen Stellenwert beimessen.

Desweiteren werden wir in Zukunft höhere Investitionen in Kultur,

Sport und die Wirtschaftsentwicklung der volkseigenen Betriebe zur

Überwindung der Sonderperiode tätigen. Wir werden dabei keine

Privatisierungen zulassen. Wir sind nicht China und wir sind nicht

Vietnam. Hier wird die Revolution verteidigt, hier bleiben wir beim

Sozialismus, denn das ist unser Land, und 90 Prozent der Cubaner

stehen fest zum Sozialismus und zu ihrer nationalen Souveränität die

nur durch diesen gewährleistet werden kann.« Nun denn, möge es

ihnen gelingen. Wir machten uns Tags darauf auf den langen Weg

nach Santa Clara. Zwischendurch waren wir einige Zeit in der

Kleinstadt Placeta unterwegs. Hier, etwas auf dem Land, waren die

Menschen noch nicht so sehr vom Tourismus »beansprucht« (fast

könnte man sagen verdorben) wie in Havanna. Man bekam schon mit

ein paar Brocken Spanisch eine freundliche Antwort und die Händler

auf den Märkten gaben lieber zu viel als zu wenig fürs Geld.

Überhaupt sind die Leute auf dem Land wesentlich offenherziger

und ehrlicher als in den Metropolen. Charakteristisch für cubanische

Städte ist dabei der im kolonialen Stil gehaltene Stadtpark, ein

Quadrat in der Mitte der Stadt, auf dem oftmals eine Statue von José

Martí steht. An den Häusern dahinter findet sich dann meist noch ein

riesiges Plakat mit einem Zitat von Che Guevara. Dort kann man

dann Nachmittags alte Männer auf den Bänken beobachten, die

Zeitung oder ein Buch lesen oder einfach nur den Pioniergruppen

zusehen, die dann oft in der Stadt unterwegs sind.

In Santa Clara schließlich besichtigten wir das Mausoleum von Che

Guevara. Eine gespenstische Stille umgab den riesigen Platz vor dem

Denkmal, die nur durch das von großen Stadiumslautsprechern

wiedergegebene Lied »Commandante Che Guevara« durchbrochen

wurde. Das Denkmal selbst war phänomenal, einem großen Mann

wie Ernesto absolut würdig. Im inneren befand sich das (kostenlose)

Museum und gegenüber die Grabkammer des Che, wo auch die

Urnen seiner Kampfgefährten aus Bolivien zu finden waren. Man

achtete streng darauf, dass nirgends photographiert wurde. Als wir

uns wieder zurück zum Auto begaben, durchbrach plötzlich ein

heftiges Tropengewitter die Ruhe. Es schüttete wie aus Eimern und

der Wind warf einige Palmen auf die Straße, wie wir später

bemerkten. Uns blieb nichts übrig, als im Auto zu warten.

Tags darauf gingen wir für einige Tage nach Cienfuegos. Die meiste

Zeit verbrachten wir dort am Strand, den wir uns mit den Cubanern

teilten. Denn in Cuba sind seit der Revolution alle Strände, ebenso

wie die Fabriken, Grundstücke, etc. volkseigen. Es gibt keinen Strand,

der explizit für Touristen wäre, so dass man oft einen geparkten Lada

und eine cubanische Familie am Strand beim baden beobachten kann.

Wir trafen dort auf drei Arbeiter aus Cienfuegos. Ich nutzte natürlich

die Gelegenheit um wieder etwas mehr über die Situation in Cuba zu

erfahren, denn alle drei sprachen einigermaßen Englisch. Eric

beispielsweise, war Busfahrer. Sein Lohn beträgt etwa 400 Peso

National und einige CUC pro Monat. Zwar kann man sich dank

Preisen wie 7 Peso pro Zigarettenschachtel, 1 Peso für Kino bzw.

Theatereintritt und 5 Peso für ein Eis doch einiges kaufen, alle

Luxusgüter sind jedoch nur in CUC zu bezahlen, an denen es stets

mangelt. (1€ = 24 CUC). Er beschwert sich über die Doppelwährung:

»Seit wir die Doppelwährung haben, also seit der Sonderperiode,

können wir uns nichts mehr kaufen. Das Geld ist äußerst knapp und

es reicht gerade für das nötigste.«

Auch sein Freund José, ein Fabrikarbeiter, sieht das ähnlich: »Es ist

schon schwer, wenn man eine Familie hat in Cuba. Man muss hart

arbeiten, aber letzten Endes kommt doch nichts dabei heraus. Und

die Rationen auf der Libretta sind viel zu wenig, es reicht hinten und

vorne nicht.«

Er fährt fort: »Meine kleine Tochter kriegt für die Schule viel vom

Staat gezahlt, aber es ist halt doch nicht genug. Manchmal reicht es

nicht einmal mehr für neue Klamotten oder Seife. Aber so ist es

nunmal bei uns. Früher war das anders, aber heute ist es nicht mehr

so wie damals.«

»Und woran liegts?«, frage ich. Eric antwortet mir: »Das ist die

Sonderperiode. Und auch ganz oben in der Partei gibt es viel

Korruption. Da gibt es einige Funktionäre die das Material nur für

sich verwenden und verkaufen, was für die Renovation der Städte

geplant ist.«

José unterbricht ihn: »Wobei hier in Cienfuegos nach dem Hurrican

gleich Eingaben geschrieben wurden, und dann wurde auch alles

repariert.« Eric fährt fort: »Ja, hier schon, aber nicht überall ging das

gut. Jedenfalls läuft einiges schief und es ist nicht leicht hier zu

leben.« - »Naja«, frage ich, »und was ist mit Fidel? Was haltet ihr von

dem?« José meint: »Fidel ist gut, wir Cubaner lieben Fidel. Aber Fidel

ist nicht überall. Er hat viele Minister, und die sind nicht alle so gut.«

Eric pflichtet ihm bei: »Fidel ist ein guter Mann, aber da oben gibt es

viele die das ausnutzen. Und auch Raúl ist nicht der beste, er kommt

dafür zu sehr aus dem Militärischen.« - »Und was wollt ihr, was ist die

Alternative? Zurück zum Kapitalismus?« - »Nein!« meint José »Ich bin

Kommunist, und ich stehe zu unserem System hier. Auch wenn

einiges schief läuft, letzten Endes bleibt uns nichts anderes übrig.«

Eric pflichtet ihm bei: »Absolut, niemand will hier wieder zurück zum

Kapitalismus. Der Sozialismus ist für uns hier das beste. Im

Kapitalismus würden wir verhungern, wie in Haiti.« - »Ihr seid also

Kommunisten?« frage ich. Alle drei nicken mit einem stolzen Lächeln

im Gesicht. »Und die Demokratie in Cuba, wie seht ihr das, bei uns

heißt es, Cuba sei eine Diktatur. Wie erlebt ihr das?« Eric antwortet:

»Die Wahlen hier sind echt. Und auch sonst können wir durch die

CDR großen Einfluss nehmen. Ich habe das sichere Gefühl, dass man

hier als Arbeiter was zu sagen hat und ernst genommen wird. Man

kann hier viel mitbestimmen, auch als einfacher Mann.«

José pflichtet ihm bei: »Demokratie? Auf jeden Fall. Man muss sich

gut überlegen wen man wählt, sonst hat man, bis man ihn abberufen

hat, einige Zeit den falschen am Hals.« José lacht. Sein Gesicht drückt

etwas zuversichtliches aus: »Hier in Cuba hat das Volk das sagen,

auch wenn das Leben schwer ist.« Abschließend zitiere ich noch ein

Schild, dass ich am Straßenrand las: »Con Fidel y Raúl - ¡Venceremos!«

- »Mit Fidel und Raul werden wir siegen!« Die drei Arbeiter zeigen

sich sichtlich erfreut. Selbst der dritte im Bunde, der kein Englisch

kann und bisher nur freundlich nickte, sagt jetzt laut: »Si!

Venceremos! Con Fidel!«

Mit diesen Worten verabschiede ich mich dann auch von den Dreien,

denn schon bald geht es für uns weiter nach Trinidad.

Dort angekommen treffe ich zum ersten mal einige Pioniere die etwas

Englisch können. Der Junge war gerade einmal 10 Jahre alt, sein

Englisch war dafür aber bemerkenswert gut. Er lernt es seit 3 Jahren.

Bei den Pionieren gefällt es ihm sehr gut, vor allem dass er alles bei

den Ausflügen vom Staat bezahlt bekommt. »Meine Eltern haben

nicht so viel Geld.« sagt er, doch die Schule macht ihm Spaß:

»Nachmittags machen wir oft noch andere Sachen, z.B. Brot backen

oder etwas basteln.« Wir verabschieden uns, wie es bei den Pionieren

in Cuba so üblich ist: »¡Seremos como el Che!« - Wir wollen so sein

wie Che! Der Junge schien überrascht, aber strahlte übers ganze

Gesicht. Auch zum Thema Religionsfreiheit machte ich eine

überraschende Entdeckung: Eine alte Zeugin Jehovas,

Bibliotheksangestellte, saß dort in aller Öffentlichkeit auf dem Stuhl

und liest »Erwachet«. Während der deutsche Philister schon das

heranstürmen der Polizei erwartet, sitzt sie dort in aller Ruhe in der

Bibliothek, liest, hält sich keineswegs versteckt und niemand schenkt

ihr deswegen größere Beachtung.

Auf dem Weg von Trinidad nach Santa Maria, einem kleinen Ort an

der Küste, nördlich von Havanna, fallen mir, als wir auf der

sowjetischen Autobahn unterwegs sind, die Schilder der

Energierevolution auf. Ich erfuhr erst im Nachhinein was es genau

damit auf sich hat: Die grundlegende Umstellung auf

Energiesparlampen, weniger Stromverbrauch und eine ökologischere

Energieerzeugung in ganz Cuba durch neue Wind- und

Solarkraftwerke. Eine sehr feine Sache, die auf dem Land schon erste

Früchte trägt, dort konnte ich nämlich auf vielen Dächern die

Montage von Solarzellen beobachten.

Angekommen in Santa Maria, nehmen wir noch den bestellten Rum

und die Cigarren entgegen und besuchen Lazaro in seinem Büro.

Dort benutzt man übrigens vornehmlich Linux auf den Computern.

Doch das war auch gleichzeitig der letzte Tag, kurz darauf fuhren wir

wieder zum Flughafen »José Martí«. Einen letzten Blick noch, und

schon bald verschwand die kleine Insel aus den Fenstern des

Flugzeugs. Eine kleine Insel, die mich mit gemischten Gefühlen

zurücklässt. Denn einerseits sehen wir stabile Versorgungssituation,

eine partizipierte, gebildete Bevölkerung, ein hervorragendes

Gesundheits- und Bildungssystem, eine entwickelte sozialistische

Gesellschaft und eine hochentwickelte Demokratie die der unsrigen

Haushoch überlegen ist. Und dennoch: Die wirtschaftlichen Probleme

sind gravierend. Die Cubaner führen ein hartes Leben, auch wenn es

wohl leichter als das vieler anderer Menschen in den

Entwicklungsländern sein dürfte, ist es doch sehr entbehrungsreich.

Es mangelt an vielem und das Embargo verschärft diese Probleme

noch weiter. Es ist leicht, unter diesen Umständen gegen Cuba zu

sein, zu sagen »Guck doch mal, wie die Leben und schau mal was wir

hier alles haben.« Das ist der leichteste Weg, der ganz vergisst, dass

Cuba nicht Deutschland, die Karibik nicht Mitteleuropa und das

Embargo nicht die EU ist. Und es ist auch sehr leicht, Fidel Castro und

den Sozialismus zu verurteilen, wenn man seine Informationen

ausschließlich aus unseren tendenziösen Medien bezieht, die ein ganz

klares Interesse an der Dämonisierung des Sozialismus im

allgemeinen und Cubas im besonderen haben. Viel schwieriger ist es,

selbst dort hinzufahren, die Leute kennen zu lernen, sich eine eigene

Meinung zu bilden. Ich habe dies getan und ich habe größten Respekt

gewonnen vor dem cubanischen Volk und seiner Geschichte. Ich habe

gesehen, dass Sozialismus und Demokratie zusammengehören, trotz

aller Probleme. Und ich kann den Cubanern für ihre Zukunft nur

wünschen, dass sie weiterhin das kleine gallische Dorf bleiben, sie

sich treu bleiben, ihren Werten und Idealen verbunden, die

wirtschaftlichen Probleme lösen können und die Revolution noch

weitere 50 Jahre den Frieden und den Sozialismus sichern wird. Trotz

Embargo, trotz CIA, trotz USA, und trotz unserer Medien, die nicht

Müde werden, das Schreckgespenst vom »bösen Sozialismus« an die

Wand zu malen, sobald der Name Cuba fällt.